Die Ausstellung Eingestellte Gegenwarten von Franz Wanner in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und dem Kunstbau München zeigt, wie sich Zwangsarbeit, Rüstungsindustrie und staatliche Institutionen vom Nazismus bis heute in Deutschland durchziehen. Ausgehend von einer Plexiglas-Schutzbrille aus dem KZ Sachsenhausen rücken verdrängte Verflechtungen von Museen, Wirtschaft und Politik in den Blick. Die Ausstellung im Münchner Lenbachhaus macht Kontinuitäten sichtbar, die gängigen Selbstbildern der Bundesrepublik Deutschland widersprechen.
Plexiglas: Material zwischen Propaganda und Museum
Am Beginn der Ausstellung im Lenbachhaus steht eine Plexiglas-Schutzbrille, die auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen gefunden wurde. Sie gehörte einer zur Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie eingesetzten Person, über die nichts weiter bekannt ist. Sichtbar bleibt der Versuch, das Augenlicht zu schützen.
Plexiglas wurde 1933 von Röhm & Haas eingeführt, ab 1936 vor allem für Flugzeugfenster in der Rüstungsindustrie genutzt und in NS-Propagandaausstellungen gefeiert. Heute reicht der Einsatz von Polizeischildern bis hin zu Vitrinenhauben. In der Ausstellung werden die Gegenstände ihrer Funktion entzogen und als Verwahrstücke gezeigt, die den Ausstellungsraum als Tatort markieren. Franz Wanners Recherchen machen zudem sichtbar, dass im Nazismus auch in Museen wie dem Lenbachhaus Zwangsarbeiter:innen etwa zur Evakuierung von Kunstwerken eingesetzt wurden.
Zwangsarbeit und Nachkriegsmigration
Wanner untersucht die Lücke zwischen Realität und Selbstdarstellung der Bundesrepublik Deutschland und zeichnet nach, wie Geschichte beschönigt und für die Gegenwart genutzt wird. Im Mittelpunkt steht die Ausbeutung von Arbeitskraft: Zwangsarbeit war im Nazismus in allen gesellschaftlichen Bereichen verbreitet.
Auf diesen Strukturen bauten die späteren Anwerbeabkommen mit Italien, der Türkei, Griechenland und Jugoslawien auf. Viele der ab 1955 angeworbenen Menschen wurden in ehemaligen NS-Baracken untergebracht, die nun „Gastarbeiterlager“ hießen. Die rechtliche Grundlage dieser Abkommen ging auf eine NS-Verordnung von 1938 zurück.

Schatten II, 2024/25
Institutionen im Spiegel von Franz Wanners Ausstellung im Lenbachhaus
Franz Wanner richtet seinen prüfenden Blick auf heutige staatliche Institutionen wie Geheimdienst und Polizei, auf die Verzahnung von universitärer Forschung und Rüstungsindustrie sowie auf Deutschlands Rolle in der abwehrorientierten Migrationspolitik der EU. Er fragt, wo sich der Nazismus im Wirtschaftsliberalismus der Gegenwart fortschreibt.
Der Künstler verwendet die Bezeichnung “Nazismus”, um sich gegen die Selbstbezeichnung “Nationalsozialismus” der NSDAP und des Naziregimes zu wenden und gegen die damit suggerierte Verbindung von Nationalismus und Sozialismus.
Als Artist in Residence des Harun Farocki Instituts entwickelte Wanner die Ausstellung Mind the Memory Gap für das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst in Berlin. Die Präsentation im Münchner Lenbachhaus baut darauf auf.
Ausstellung Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten im Lenbachhaus in München – Öffnungszeiten und Eintritt
Öffnungszeiten
Dienstag – Sonntag
10:00 – 18:00 Uhr
Donnerstag
10:00 – 20:00 Uhr
Eintrittspreise
regulär 10 Euro // ermäßigt 6 Euro.
Das Ticket gilt für alle aktuellen Ausstellungen im Lenbachhaus und dem Kunstbau.
Free & Easy
Jeden ersten Donnerstag im Monat ist der Eintritt zwischen 18:00 und 22:00 Uhr frei.
Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist der Eintritt ins Lenbachhaus grundsätzlich frei.

Schatten III, 2024/25
Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus und dem Kunstbau München
24. März 2026 – 19. Juli 2026
Städtische Galerie im Lenbachhaus und dem Kunstbau München
Luisenstraße 33
80333 München
Telefon: 089 – 233 969 33
E-Mail: lenbachhaus@muenchen.de
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